PORTUGAL MÄRZ 2014

Heike

Langsam freunde ich mich mit dem Gedanken an nicht nach Marokko zu fliegen. Selbst wenn jetzt die Genehmigung noch kommt ist die Zeit zu kurz und vor allem pfeift der Levante durch die Straße von Gibraltar und würde uns vielleicht nach Grönland wehen aber bestimmt nicht nach Marokko. Grönland ist mir aber eindeutig zu kalt. Ich will Wärme.

Zu unserer Rettung hat Norbert wieder einen Plan für uns. Er erzählt vom Rio Tinto, dem roten Fluß der unglaubliche Farben hat. Nun ist unser weiterer Weg klar. Über den Rio Tinto nach Portugal. Aprops Portugal. Wir haben keinerlei Karten da wir ja nicht geplant haben dorthin zu fliegen. Aber dies hindert uns nicht an unserem Vorhaben. Papierkarten bekommen wir von einem Piloten in Trebujena und dem AppStore ist es egal an welchem Ort die digitale Version herunter geladen wird. Wir fliegen am Rande des Nationalparks Donana nach Niebla. Der Flug verläuft ruhig, die Donana sieht von der Entfernung nicht gerade spektakulär aber interessant aus. Es zeigen sich auch ein paar Vögelchen und zwitschern uns zu, dass wir ja nicht in ihr Naturreservat eindringen sollen. Wir respektieren den Wunsch der Donanabewohner und halten uns an die Verbotszonen. Immer schön an der Küste entlang geht es bis Punta Umbria. Ab da zeigt uns der  Rio Tinto, der hier noch keine rote Farbe zu bieten hat, unseren weiteren Weg. Wir überfliegen riesige Gewächshausplantagen in denen vermutlich meine heiß geliebten Erdbeeren wachsen. Diese sind auch rot und wären mir jetzt lieber als ein Fluß mit dieser Farbe.

In Niebla angekommen rollen wir gleich weiter. Wir rollen von der Grasbahn runter, aus dem Flugplatzgelände raus, durch ein kleines Industriegebiet direkt an eine Tankstelle. Diesen Tipp zur Gyrobetankung haben wir ebenfalls von Norbert mit auf den Weg bekommen. Und wir sind bestimmt nicht die ersten die dort vorfahren. Unser Erscheinen wurde als absolute Selbstverständlichkeit hingenommen. Wieder zurück am Flugplatz bauen wir unter Olivenbäumen unser Zelt auf. Seit über zwei Wochen schleppen wir eine komplette Campingausrüstung mit uns rum und jetzt kommt sie endlich zum Einsatz. Ich schlafe tief und fest und bin gespannt ob der Rio Tinto wirklich so spektakulär ist.

Robert:

Wir fliegen den Rio Tinto ab. Genauer gesagt Heike fliegt und ich fotografiere, fotografiere was die Kamera hergibt. Der rote Fluß ist irgendwie unwirklich. Tiefes rot geht in helleres rot und ins orange über um dann gleich darauf wieder tiefrot zu werden. Das muss man mit eigenen Augen gesehen haben sonst glaubt man es nicht. Norbert hat uns nicht zu viel versprochen und auch ich freue mich jetzt nur noch diese Laune der Natur sehen zu dürfen. Wir fliegen bis nach Minas des Rio Tinto, der „Geburtsstadt des spanischen Fußballs“. Zu beginn des neuzeitlichen Bergbaus in der Region war Minas de Rio Tinto fest in englischer Hand, die von ihrer Insel das Fußballspiel mitgebracht haben. Heute wirken die verlassenen Minen etwas trostlos aber auch spannend und reizen mich diese auch mal vom Boden her anzuschauen.

Wir fliegen kurz vor knapp, das heißt kurz bevor der Sprit aus ist nochmals in unserer Tankstelle in Niebla ein. Da nun der Hunger kommt statten wir auch dem Städtchen und der dortigen Gastronomie einen Besuch ab und nach einem kurzen Schläfchen geht es weiter. Portugal ruft.

Immer am Strand entlang geht es bis vor die Kontrollzone von Faro. Eigentlich braucht man in Portugal immer einen Flugplan aber wir haben heute darauf verzichtet. Durch die CTR, auch mit Anmeldung, zu fliegen kommt da nicht so gut. Still und heimlich schlängeln wir uns landseitig um sie herum und landen kurz vor Sunset in Portimao. Dort bekommen wir einen kleinen Rüffel, da wir ohne Flugplan gekommen sind.

Heike:

Auch wenn der Hüpfer noch so klein ist heute müssen wir mit Flugplan fliegen. Wir fliegen „unter Aufsicht“  5 km von Portimao nach Lagos. Bis eben war ich der Meinung dass Lagos eine Großstadt in Nigeria ist, nun weiß ich dass es auch eine Kleinstadt in Portugal mit diesem Namen gibt. In Lagos betreibt Kevin Robinson, ein Engländer, seine englische Gyroflugschule. Wir bekommen von ihm Sprit und beim gemeinsamen Mittagessen im Hafen von Lagos den Tipp nach Benavente östlich von Lisabon zu fliegen. Wir versprechen ihm dass wir auf dem Rückflug wieder bei ihm vorbei kommen und eine Nacht bleiben. Auch in Portugal setzt sich fort was wir auf unserer ganzen Reise erfahren haben. Wir machen überall Bekanntschaft mit unheimlich netten, hilfsbereiten Menschen. Dies ist eine tolle Erfahrung.

Robert:

Wir machen uns auf den Weg nach Benavente. Über den südwestlichsten Punkt Europas dem Cabo de São Vicente geht es an der Steilküste entlang nach Norden. Die Steilküste bietet einem Fotografen unheimlich tolle Motive, so dass Heike nach meinen Befehlen fliegen muss. Tiefer, Höher, weiter hin, weiter weg. Den Einwand ich soll mich nun mal entscheiden was ich will überhöre ich. Ich bin auf der Jagd nach den tollsten Motiven und das ist eben ein ständiges hoch und runter, hin und weg. Sie hat ja nun wahrlich lange genug Zeit gehabt sich daran zu gewöhnen. Wenn sie die Bilder sieht ist sie auch immer mit meinen Befehlen versöhnt.

Immer weiter geht es an der Küste entlang bis Setubal. Beim Überflug von Sines würde ich am liebsten die Luft anhalten. Die dortigen Industrieanlagen stinken erbärmlich. Zum Glück haben wir heute keinen Gegenwind, so dass wir „den Ort des schlechten Geruchs“ schnell hinter uns lassen. Ab Setubal werden wir auf dem direkten Weg von den Lotsen nach Benavente geschickt. Nach einem absoluten Genussflug landen wir in Benavente. Nach dem sanften aufsetzen ist irgendetwas anders als sonst. Ich habe das Gefühl, dass unserem Gyro kleine Steine auf seinen Tragschrauberbauch prasseln. Schlagartig fällt mir ein, was Kevin alles zu Bonavente gesagt hat. Der Platz liegt gut, die Leute dort sind alle unheimlich nett und man ist von dort aus auch ganz schnell mit dem Zug in Lisabon aber einen Nachteil hat er. Eine unbefestigte Schotterpiste. Wir haben soeben den Nachteil kennen gelernt aber dann nur noch die Vorteile. Wir werden freudig in Empfang genommen, bekommen selbstverständlich einen Hangarplatz und Paul der Chef des Flugvereins fährt uns ins Hotel.

Heike:

Nach dem Start geht es auf direktem Weg nach Santa Cruz LPSC. Wir möchten uns den Platz anschauen ob er für einen „Badeurlaub mit dem Gyro“ taugt. Nach der Karte zu urteilen liegt er ganz Nahe am Meer. Unser Urteil: Absolut empfehlenswert. Ein schöner Platz, direkt neben der Stadt und dem Meer mit ordentlich geteerter Bahn, was ich seit Benavente zu schätzen weiß. Filippa die Fluglehrerin der örtlichen Flugschule frägt ob wir mit zum Essen an den Strand kommen. Leider müssen wir ablehnen, da die Zeit drängt. So starten wir, ohne zu Essen aber mit dem Versprechen wiederzukommen und dann ein paar Tage zu bleiben, Richtung Tojeira.

In der Luft will Robert den Flugplan wieder aktivieren. Leider ist dies nicht mehr möglich, da die Controller mit unserer Landung den Flugplan geschlossen haben. Wir müssen einen neuen Plan aufgeben, was in Portugal auch per Funk ganz einfach ist. Während ich um die Wolken, die sich an der Küstenlinie aufgebaut haben Slalom fliege, müht sich Robert mit der portugiesischen Aussprache unseres Zielortes ab. Nachdem er diese Hürde gemeistert hat geht es weiter zu unserem Tankstopp. Spätestens jetzt fange ich an Gefallen am „Fliegen unter Aufsicht“ zu finden. Das Finden ist nämlich gerade unser Problem. Tojeira hat sich so versteckt, dass wir den Platz trotz verzweifelter Suche nicht entdecken. Robert frägt vorsichtig über Funk den Controller ob er uns vielleicht helfen kann und schon haben wir ein persönliches Navi das uns sicher ans Ziel lotst. Schon in Benavente war ich von den Controllern begeistert. Paul hat uns erzählt, dass ihn ein Lotse angerufen hat, dass ein Gyro auf dem Weg zum Platz ist und wahrscheinlich Sprit benötigt und eventuell in die Stadt möchte. Mittwochs ist in Bonavente normalerweise niemand am Platz, der Lotse wusste dies und da man sich in Portugal untereinander kennt hat er gleich organisiert, dass wir in Empfang genommen werden. Ich finde das klasse.

In Tojeira angekommen heißt es erstmal warten. Der kleine private Flugplatz hat Super für uns aber der Besitzer ist gerade anderweitig beschäftigt, so dass unser Tankstopp länger dauert als geplant. Ich nutze die Zeit für ein kleines Mittagsschläfchen in der Sonne.

Robert:

Nachdem der Stopp etwas länger als geplant gedauert hat müssen wir uns nun sputen. Leider geht im März die Sonne auch in Portugal schon recht früh unter und bis dahin müssen wir zurück in Lagos sein. Eigentlich wollten wir eine Nacht länger in Benavente bleiben und mit dem Zug nach Lisabon fahren haben uns aber spontan heute morgen um entschieden, da ein Tag für Lisabon eh zu kurz ist und wir unbedingt übermorgen den Flieger nach Hause erreichen müssen und Kevin haben wir ja auch versprochen eine Nacht zu ihm zu kommen. Der Rückflug gibt mir nochmals die Gelegenheit die Steilküste in allen Facetten zu fotografieren. Am Cabo de São Vicente drehen wir einige Kreise. Die Sonne steht schon sehr tief und das Kap bietet nun einen ganz romantisches Bild.

Heike:

In Lagos werden wir schon von Kevin erwartet. Er hat uns eingeladen bei ihm zu übernachten, in seinem schönen Haus mit extra Gästezimmern für seine Flugschüler. Nach einem leckeren Abendessen einer erholsamen Nacht und einem halben Strandtag gehen wir wieder in die Luft.

Immer an der Küste entlang bis Spanien. So geben wir den Flugplan auf und so wird er auch genehmigt. Aus der Luft wirkt die portugiesische Küstenbebauung wesentlich schöner auf mich als die spanischen Bausünden. Selbst Albufeira das „Lloret de Mar“ von Portugal sieht von oben ganz nett aus. Ich bin von Portugal total begeistert. Die Steilküste auf der Westseite ist ein Traum aber auch hier entlang der Algarve gibt es viele schöne Fleckchen Erde. Ich bin überhaupt nicht mehr traurig, dass es mit Marokko nicht geklappt hat sondern freue mich, dass ich stattdessen einen Teil von Portugal kennenlernen durfte. Wir dürfen völlig problemlos durch die CTR von Faro fliegen. „D-MHMN fly along the coast line not higher than 500 feet“, dies sind die gesamten Anweisungen die wir erhalten. Exakt so, wie wir es im Flugplan angegeben haben wurde uns der Durchflug genehmigt. „Schau mal nach links da fliegen Flamingos“ kommt es plötzlich von Robert. Ein Schwarm Flamingos im Fluge. Die rosa-weißen Vögel wirken auf mich richtig majestätisch und ich schließe mich ihrer Formation an. Ich finde wir fallen da gar nicht auf. Die HMN ist weiß und ich habe ein rosa T-Shirt an. Neben den Flamingos herfliegend verlasse ich die Küstenlinie. Aufgelöst wird dieser wunderschöne Formationsflug durch den Controler „D-MN this is not the coastline were you are flying“. Der Transponder, diese Petze, hat uns voll verraten. Also weg von den Flamingos hin zur Küste und ganz brav an der Küstenlinie entlang bis zum Guadiana dem Grenzfluß. Auf spanischer Seite verabschieden wir uns von der Küste und fliegen auf nord-östlichem Kurs ein kleines Stück ins Landesinnere. Ziel ist der Flugplatz Isla Christina. Ein „aeroporto fumigacion“, ein Flugfeld für Sprühflugzeuge inmitten einer riesigen Orangenplantage. Hier gefällt es uns, hier bleiben wir. Selbst wenn es uns nicht gefallen würde hätten wir keine andere Wahl, da es inzwischen nach Sunset ist. Langsam wird es zur Gewohnheit erst in letzter Sekunde zu landen. Wir bauen unser Zelt auf, bereiten unsere Picknickdecke aus und fangen beide an laut loszulachen. Ein Großteil unseres Abendessens besteht aus Orangen die wir in Portugal gekauft haben. Anstelle von Eulen nach Athen oder Tulpen nach Amsterdam zu tragen haben wir Orangen in eine Orangenplantage geflogen.

Robert:

Nicht nur das Abendessen sondern auch unser Frühstück besteht aus Orangen. Und ich muss auch wieder herzhaft lachen. Es gibt hier so viele Orangen dass auch der Boden voll davon ist, da sie gar nicht alle geerntet werden und Heike versucht mir ernsthaft klar zu machen dass ich keine Orange pflücken darf sondern nur die vom Boden oder noch besser, unsere portugisischen, nehmen darf. So und nun oute ich mich hier. Ich bin ein Dieb. Ein Orangendieb. Ich habe es gewagt mir eine zu pflügen und kaum hatte ich sie geschält hat Heike sie mir auch schon weg gegessen. Ich muss sagen, so eine frische Orange direkt vom Baum schmeckt schon gut.

Nachdem wir das Zelt und unsere anderen Habseligkeiten wieder verstaut haben geht es auf unsere letzte Etappe. Zurück nach Trebujena. An der uns nun schon bekannten Küste entlang, an der Donana vorbei fliegen wir über den Rio Guadalquivir direkt nach Trebujena. Dort werden wir wieder erwartet. Diesmal von Bingo, Norberts Hund der uns freudig wedelnd begrüßt.

Glücklich fliegen wir am Abend mit dem Airliner nach Hause und freuen uns auf Marokko. Ich bin überzeugt davon, dass wir es im zweiten Anlauf schaffen dorthin zu fliegen.

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