MAROKKO 2014

Nordafrika, Marokko, tausendundeine Nacht. Wir haben einen Traum. Wir wollen das uns bis dato unbekannte Land mit allen Sinnen in uns aufnehmen. Sehen, riechen, schme- cken und fühlen im offenen Trag- schrauber. Wir träumen von großen Städten und menschenleeren Gebie- ten, von Meer und hohen Bergen, von Mittelalter und Neuzeit. Wir machen uns dran, unseren Traum wahr wer- den zu lassen.

Um 12.45 Uhr Lokalzeit heben wir ab, verlassen Spanien, verlassen Europa. Was wird uns wohl erwarten? Der Flug über die Meerenge ist span- nend. Wir schweben zwischen Mit- telmeer und Atlantik von Kontinent zu Kontinent! Wir strahlen mit unseren gelben Schwimmwesten um die Wette. Nach 45 Minuten Bauchkribbeln und Vorfreude setzen wir um 12.30 Uhr marokkanischer Zeit in Tanger auf. Benaissa Boulmane, unser marokkanischer Kontaktmann, erwartet uns freudig. Wir füllen die Einreisepapiere aus.

Heike

Bei „Beruf“ gebe ich wahrheitsgemäß Flugbegleiterin an, was er mit „very good, very good“ kom- mentiert und zu Robert sagt „and you are pilot“. Somit ist die Hierarchie geklärt. Kurz darauf sind wir wieder in der Luft. Nächstes Ziel Rabat, die Hauptstadt, unsere erste Begegnung mit dem marokkanischen Leben. Bei 20 Grad macht das offene Fliegen so richtig Spaß. Wir überfliegen ein Gebiet, ähnlich dem andalusischen Huelva. Gewächshaus an Gewächshaus, nur gedeihen dort Bananenstauden statt Erdbeeren.

Robert

In Marokko muss grundsätzlich mit Flugplan geflogen werden. Tanger Tower übergibt uns an Casa Control, wechseln wir auf die Frequenz von Rabat Approach. Dort versuche ich fast eine Stunde lang erfolglos, uns anzumelden. Bei Casa Control erreiche ich auch niemanden mehr, und so fliegen wir einfach weiter Richtung Rabat. Kurz vor dem Flug- hafen kommt eine Antwort. Keine fünf Minuten später landen wir auf dem riesigen Flughafen, der militärisch und zivil genutzt wird. Am Haupt- stadtflughafen habe ich regen Betrieb erwartet. Doch auf dem ganzen Vor- feld sind wir mit unserem Tragschrauber die einzigen. Wir erfahren, dass Marokkos Flughäfen, mit Ausnahme von Casablanca, Marrakech und Agadir, schwach frequentiert sind.

Während Avgas aus dem Tankwagen in den Tank fließt, kommt ein Herr vom Royal Air Club und fragt, ob er uns helfen kann. Ruckzuck steht unser Gyro im Hangar und wir wer- den nach Rabat ins Hotel gefahren.

Heike

Unsere erste Nacht in Afrika ist von der Nahrungssuche dominiert. Ich habe im Reiseführer gelesen, dass es in der Medina von Rabat ein traditionelles Restaurant geben soll. Voller Vorfreude auf Couscous und Tajine machen wir uns auf den Weg – doch leider hat das Res- taurant geschlossen, eine Alternative ist nicht in Reichweite. Halb verhungert schleppen wir uns an einen Imbiss und essen Brathendl mit Pommes. Na super. Das hätten wir auch zu Hause haben können.

Robert

Am nächsten Morgen wollen wir über Beni Mellal nach Marrakesch fliegen. Der Weg aufs Vorfeld gestaltet sich, wie überall in Marokko, problemlos. Ich habe von vielen, die schon mit dem Flugzeug in Marokko waren, gehört, dass es nützlich ist eine Pilotenuniform zu tragen. Heike und ich sehen eher aus wie etwas verwahrloste Abenteurer, woran sich aber niemand stört. Es hat sich schnell herum gesprochen, dass da ein etwas seltsames Flugge- rät eingeschwebt ist. Nach der Flugplanaufgabe sind wir gerade dabei unser Gepäck zu verstauen, als eine uniformierte Dame vorgefahren kommt und uns darüber informiert, dass wir leider nicht nach Beni Mellal fliegen können, da der Platz am Wochenen- de geschlossen ist.

Heike

Ich fahre mit ihr zum Tower, um einen neuen Flugplan aufzugeben. Leila erzählt, dass sie Fluglotsin ist, in Rabat sowohl fürs Militär als auch für die zivile Luftfahrt zu- ständig. Mit ihren Kollegen habe sie sich fast darum geprügelt, wer zu uns fahren darf. Alle wollen den Tragschrauber aus der Nähe sehen. Sie hilft mir, eine Alternativroute nach Marrakech zu finden. Das Problem an einem MTOsport ist, dass man sich nach spätestens drei Stunden Gedanken über einen Tankstopp machen muss. Je nach Wind können das auch mal nur 200 Kilometer sein. Die neue Route führt uns nach Tit Mellil bei Casablanca, Marokkos einzigem Flugplatz, auf dem keine großen Flugzeuge landen können. Leila chauffiert mich zurück zu Robert und unserem Gyro. Auf dem Weg dorthin unterhalte ich mich über Funk mit Yassim, dem Towerlotsen. Er erzählt mir, dass er einen Bruder in Deutschland hat.

Nach dem Start unterhalten wir uns auf Deutsch auf der Frequenz von Rabat. Bei jedem anderen großen Flughafen wohl unvorstellbar.

Robert

Wir setzen unseren Flug über einsame Hochebenen in die Millionenstadt Casablanca, von allen nur Casa genannt, fort. Am Tit Mel- lil Airport gibt es einen freundlichen Empfang durch die Mitglieder des Royal Air Club. Casa ist garantiert einen Besuch wert, nur haben wir leider keine Zeit dafür. Zehn Tage sind knapp, und wir möchten auf jeden Fall zwei Tage in Marrakesch bleiben und über den Hohen Atlas fliegen.

Wir bekommen die Genehmigung, abseits der VFR-Route entlang der Küste zu fliegen, so kommen wir direkt an der Hassan-II.-Moschee vorbei. Mit 210 Metern ist ihr Minarett das derzeit höchste der Welt – und wir fliegen 50 Fuß unterhalb der Spitze! Nachdem wir Casa hinter uns gelassen haben, geht es mit Kurs Südost ins einsame Landesinnere bis nach Marrakech. Den Anflug dort teilen wir uns mit Easyjet, Condor und Royal Air Maroc.

Heike

Im Anflug, wir haben längst die Landefreigabe und schweben weit über der Schwelle, fragt der Lotse nervös, ob wir schon im Short Final sind. Ich nenne ihm unsere Position und sage noch dazu, dass wir eben höher anfliegen als ein Flugzeug. In diesem Moment hat er uns im Blick und es kommt glucksend, mit unter- drücktem Lachen über Funk: „Yes, now I see you! You look funny!“

Nachdem wir die obligatorischen Landekarten ausgefüllt und ein fiktives Hotel eingetragen haben, sind wir schon im Ankunftsterminal. Das Wichtigste für die Beamten ist das Hotel. Es ist egal ob man dort wohnt oder nicht, es muss etwas im Feld stehen.

Marrakech bietet alles auf einmal. Es ist faszinierend und abstoßend zugleich. Reichtum und Luxus treffen auf Armut. Ein Leben wie vor 500 Jahren, traditionell und zugleich mo- dern. All das, was ich mir unter Marokko vorgestellt habe, ist hier auf engstem Raum vereint. In den letzten Jahren von Touristen aus aller Welt als Urlaubsdestination entdeckt und überschwemmt, hat es sich doch seine Ursprünglichkeit erhalten. In Marrakech bleiben wir zwei Nächte, tauchen ein und lassen uns treiben. Djemaa el Fna, der Gauklerplatz, die Souks, die Medina, die Kasbah – sehen, riechen, staunen. Am zweiten Abend fallen wir todmüde ins Bett. Bereits um 5:30 Uhr sind wir am Flughafen. Wir wollen über den Hohen Atlas nach Ouarzazate.

Robert

Am Viertausender Djebel Toubkal vorbei über den Pass Tizi n‘Tichka ins Draa-Tal. Ein Traum wird wahr. Der Pass liegt auf 2260 Metern. Um 7 Uhr sind wir airborne. Es hat schon jetzt 25 Grad, wir haben zu- nächst eine gute Steigleistung von 3 m/s. Als der Pass in Sicht ist, steigen wir auf 9000 Fuß. Ich freue mich auf den Überflug. Links und rechts von uns die hohen Gipfel, der Pass direkt vor uns und immer noch liegt leichtes Steigen an. Alles easy… bis es abwärts geht. Der Pass wirkt wie eine Düse, der Wind pfeift durch. An Höhe halten ist nicht mehr zu denken. Mit 5 m/s geht es nach unten. Jetzt bleibt nur noch eins: Raus aus dem Atlas-gebirge und zurück nach Marrakech.

Einerseits ein bisschen traurig, andererseits froh, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, beschließen wir, den Hohen Atlas so weit wie möglich zu umfliegen, um auf anderem Weg ins Draatal zu kommen. Bei 38 Grad knien wir am Boden über den Karten. Zweiter Versuch, ins Draatal zu gelangen. Westlich an den Bergen entlang geht es nach Agadir. Als wir um die Ecke biegen, lässt der Südwind unsere Groundspeed in den Keller sinken. Ein zweites Mal an diesem Tag treffen wir die Ent- scheidung abzudrehen. Diesmal an den Atlantik, nach Essaouira.

Heike

Essaouira ist ein nettes Fischerdorf mit langen Sandstränden. Möwen klauen Fisch an den Verkaufs- ständen. An einem Geldautomaten sammele ich liegen gebliebene Belege auf. Wir haben nämlich ein klei- nes Problem: Tankrechnungen müs- sen bar bezahlt werden. Wird in Dinar bezahlt, verlangt die Tankgesellschaft die Umtausch- oder Abhebequittung. Dies soll verhindern, dass Drogengeld in Sprit umgesetzt wird. Da wir in Marrakesch Geld ohne Quittung ab- gehoben haben und alle Euros aus- gegeben sind, stecken wir eben die gefundenen Belege ein. Von Essaouira über Taroudant nach Ouarzazate: So könnten wir auf „ebenen Weg“ ins Draatal kommen. Guter Plan, nur nicht umsetzbar. Um in Taroudant zu landen, bedarf es der Genehmigung des Provinzgouverneurs. Diese haben wir nicht – und auch keine Zeit, darauf zu warten. Weiter südlich geht’s somit für uns nicht mehr. Mit etwas Wehmut fliegen wir zurück nach Marrakesch. Wenn wir schon nicht mit dem Gyro ins Draatal kommen, dann eben mit dem Auto!Die Fahrt ist beeindruckend. Wilde Natur, kleine Orte und Souvenir- verkäufer mit auffallend gleichem Angebot an Steinen und Keramik – made in China oder Marokko? Uns ist klar, dass wir wiederkommen, dann mit mehr Zeit und unserem Fluggerät.

Robert

In Marrakesch wird dem VFR Verkehr fast immer die Bahn 28 zugewiesen, um den Verkehr von der Stadt frei zu halten. Ich frage, ob wir über die 10 starten dürfen und be- komme dafür das Okay. Kurz nach dem Start werden wir aufgefordert, nach Norden abzudrehen, um den Anflug frei zu machen. Wir sind direkt über dem Djemaa el Fna und der Me-dina. Beeindruckend!

Der Flug nach Fès verläuft ruhig, bis wir plötzlich einen großen Flug- hafen unter uns haben, der weder in der Karte noch im Garmin zu finden ist. Sinnestäuschung? Höhenkoller? Fès ist doch noch 30 Kilometer weit weg. Schnell abdrehen und hoffen, dass uns keiner gesehen hat.

Heike: Angekommen in Fès, werden wir im Flugplanbüro freudig erwartet. Selbstverständlich haben uns die Lotsen vom benachbarten Militärplatz Meknes bemerkt und mitgeteilt, dass sich da wohl mal wieder jemand verflogen hat. Der Herr erzählt uns grinsend, dass es ab und zu vorkommt, dass Flugzeuge in Me- knes landen – im festen Glauben, Fès erreicht zu haben. Beide Plätze liegen südlich der jeweiligen Stadt und haben dieselbe Bahnausrichtung. Auch in Fès bleibt uns nur eine Nacht des Sehens, Riechen und Schmeckens.

Am Morgen fliegen wir durchs Rif Gebirge nach Tétouan. Unter uns taucht ein von Bergen umgebener See auf. Oh je, wir haben uns wieder verflogen: Das ist der Tegernsee mit Wallberg und Hirschberg. Das Rif erinnert stellenweise an die Voral- penlandschaft. Über Chefchaouen, der „Drogenhauptstadt“, drehen wir ein paar Kreise. In der Nachmittags- sonne leuchten die blauen Häuser. Im Rif Gebirge wird seit jeher Hanf angepflanzt. Obwohl verboten, leben 80 000 Menschen in Marokko davon.

In Tétouan haben wir nur Zeit für einen kurzen Tankstopp. Der „Tankfassfahrer“ bringt nicht nur Sprit, sondern auch frischen Minze-Tee. Die Polizeibeamten fotografieren sich gegenseitig mit dem Tragschrauber. Zeit dafür haben sie reichlich, denn nur zweimal pro Woche geht ein Flug- zeug nach Amsterdam. Ob das Ziel nun Zufall ist oder nicht, darüber wollen wir nicht spekulieren. Wir liegen in der Sonne, lassen uns den kühlen Wind um die Nase wehen.

Unsere letzte Nacht in Tanger ist angebrochen. Benaissa Boulmane lässt uns nur mit dem Versprechen zurück fliegen, dass wir bald wieder kommen. Abgemacht!

3 Kommentare bisher. Was sagst du dazu?

  1. Claas sagt:

    Was für ein herrlicher Bericht, ein wirklich beneidenswertes Erlebnis! Darf ich euch fragen, wie die Vorbereitung des Fluges erfolgte, woher ihr die Karten, approachplates etc. bezogen habt?

    Juni 15, 2016
    Antworten
    • Claas sagt:

      Antwort auch gerne an die mailadresse. Vielleicht ist ja auch ein pers. Austausch möglich. Ich fliege am Samstag von EDML nach EDMY rüber um einige Platzrunden zu drehen. Vielleicht ist ein Treff möglich?

      Juni 15, 2016
      Antworten
  2. charly sagt:

    Hallo
    da ich schon auf den 4000ér- im Atlas war – und auch gelegentlich in der Luft bin…
    hat mich Euer Bericht – sehr interessiert
    ist eben spannend – in Fremden Ländern – sich zu bewegen
    egal ob am Boden – oder in der Luft

    lg- aus Tirol- charly

    April 26, 2017
    Antworten

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