Mit 12 ULs nach Marokko – gegrounded in Granada

Nach der Landung kommt gleich Jamie und der Tankwagen. Jamie sagt mir, dass die Lotsen etwas komisch waren aber, nachdem er die Mail weitergeleitet hat, nun wohl alles in Ordnung ist. Nachdem alle getankt haben, fahren wir fröhlich in das Hotel, (http://www.losangeleshotelgranada.com/) wo die schnelle Truppe schon am Swimmingpool liegt.

Zuerst plansche ich, zusammen mit Robert, ausgiebig im Wasser. Danach geht es auf Erkundungstour durch die Stadt. Die Alhambra können wir leider nicht besichtigen, da die Karten schon seit Tagen ausgebucht sind. Dies ist ein Nachteil bei einer Reise mit Fluggeräten, bei denen man vom Wetter abhängig ist. Man kann nicht im Voraus sagen, ob man wirklich zur geplanten Zeit am gewünschten Ort ist. Deswegen ist es schwierig, Dinge fest zu buchen, was die Organisation einer solchen Reise aufwendig macht. Karten für die Alhambra sind beim besten Willen nicht mehr aufzutreiben. Aber auch der frei zugängliche Teil ist interessant und das Abendessen mit der ganzen Gruppe in einem Lokal, das von außen an einen oberbayrischen Biergarten erinnert, ist unterhaltsam. Von Brathendl und Schweinshaxn ist aber weit und breit keine Spur. Das Angebot ist spanisch und sehr lecker (http://www.kioskorestaurantelastitas.com/).

Robert und ich haben nach dem Essen noch keinen Feierabend. Wir arbeiten die Route für den nächsten Tag aus. Den Flug nach Afrika! Was mich ein bisschen beunruhigt ist der Levante, der starke Wind, der häufig zwischen Europa und Afrika bläst. Es ist eine Windgeschwindigkeit von 30 Knoten mit Böen bis zu 50 Knoten vorhergesagt. Wir haben nur eine Möglichkeit um mit allen Maschinen sicher nach Marokko zu kommen. Wir müssen auf mindestens 8.000 Fuß steigen. Dies widerspricht zwar den spanischen UL Vorschriften, unter 1.000 Fuß über Grund zu bleiben. Mit Flugplan und unter der Aufsicht der FIS ist es aber kein Problem höher zu fliegen, denken Robert und ich. Dies ist die Erfahrung aus vielen Flügen von uns und  von anderen UL-Piloten  in Spanien. Sorgen macht mir höchstens, dass wir in der langsamen Gruppe vom Sprit  limitiert sind und bei den Windbedingungen eine Landung in Tanger oder Tetouan nicht möglich ist. Wir müssen bis Fes durchfliegen. Nach langem Rechnen, mit großzügigem Spritverbrauch bin ich beruhigt. Es ist für alle, mit ausreichender Reserve, fliegbar. Die Strecke führt 170 km über das Meer. Es sei denn Malaga lässt uns Midfiled crossing machen. Ein Umfliegen landseitig ist leider wegen der eingeschränkten Spritkapazität unserer langsamen Gruppe nicht möglich. Außerdem weiß der Rotax  nicht, dass unter uns nur Wasser ist und wir haben alle Schwimmwesten dabei. Es gibt auch genügend Schiffe. Der Gedanke beruhigt mich etwas. Aber am besten einfach nicht daran denken. Auch bei Flügen über Grund gibt es nicht immer passende Landemöglichkeiten.

Die Sonne scheint, die Taxen stehen um 8 Uhr bereit. In Granada ist es windstill und auch der Levante ist noch nicht so stark, wie vorhergesagt. Super, denke ich. Einem entspannten Flug ins Land von tausendundeiner Nacht steht nichts mehr im Wege.

Ich steige fröhlich aus dem Taxi, da kommt Jamie, wie ein nervöses Huhn mit den Armen wedelnd, auf mich zu. „The AESA (Spanische Luftfahrtbehörde) have withdrawn the starting permission for your group“, sagt er aufgeregt zu mir. „Häää“, denke ich. Was soll denn das? Wir haben doch die Erlaubnis vom Flughafenmanager. Robert glaubt es zuerst gar nicht. Er sagt zu Jamie, dass das ja wohl nicht sein kann und wir jetzt zu den Maschinen gehen. Leider ist es doch so. Robert und ich gehen nicht zu unseren Flugzeugen, sondern zu dem Flughafenmanager, der mir die Mail gesendet hat. Die Gruppe setzt sich erst mal auf die Stufen vor dem Verwaltungsgebäude. Eine andere Sitzmöglichkeit gibt es nicht. Nun wird es spannend. Der Mailversender telefoniert, Jamie telefoniert, dann telefonieren auch Robert und ich. Und zwar mit dem Chef der Fluglotsen von Andalusien. Zuerst spricht dieser mit mir. Er spricht – dies ist wörtlich gemeint. Es ist kein Gespräch, das aus Dialogen besteht, es ist ein Monolog. Er hält mir einen Vortrag, dass wir nicht in eine Kontrollzone einfliegen dürfen. Meine Einwände, dass wir die schriftliche Erlaubnis dafür haben und dass sie ja unseren Flugplan hätten ablehnen können, nimmt er überhaupt nicht zur Kenntnis. Irgendwann lege ich ohne Resultat auf. Auch die anderen beiden Herren erreichen nichts. Nun ruft Robert noch mal bei dem Oberlotsen an. Er scheint einen besseren Draht zu ihm zu haben als ich. Zumindest hört es sich mehr nach Dialog an. Letztendlich war es aber auch keiner. Robert hat einfach nur gegen ihn angeplappert. Leider ebenfalls ohne Erfolg. Ich versuche nun die Telefonnummern, die ich von der AESA habe anzurufen. Auch dies ohne jeglichen Erfolg. Bei keiner der veröffentlichten Nummern nimmt jemand ab. Auch auf meine Mails, die ich an alle AESA Mailadressen, die ich habe schreibe, reagiert niemand. Die Zeit vergeht, ohne dass sich auch nur das Geringste bewegt. Jamie versichert uns ständig, dass er so etwas noch nie erlebt hat. „Jede Woche landen und starten hier Ultraleichtflugzeuge aus ganz Europa ohne die geringsten Probleme, so etwas gab es hier noch nie“, meint er. Dies nützt uns nur leider nichts. Auch sonst hat er nicht wirklich nützliche Ideen, um unsere Situation zu verbessern. Der Flughafenmanager lässt sich inzwischen vorsichtshalber gar nicht mehr blicken. Hilfreiche Telefonnummern hat auch niemand. Aber Jamie hat Mitleid mit unseren Leuten auf der Treppe. Er fährt sie in ein Restaurant in der Nähe. Ist zwar nicht das, was wir möchten, aber immerhin gibt es dort Stühle. Robert und ich versuchen alle Hebel in Bewegung zu setzen, die uns einfallen. Mein erster Hilfeschrei geht, wie immer, an Heike Wieland, der 2. Vorsitzenden des DULV. Sie nimmt sich unserem Problem sofort an und kontaktiert Yago Osset, den Präsidenten des spanischen UL- Verbandes. Yago meldet sich auch sofort bei mir und verspricht seine Hilfe. Jamie wird plötzlich wieder aufgeregt. Er ist am Telefon und reicht dieses nun an Robert weiter. Der Oberlotse ist dran und meint, dass er uns die Starterlaubnis erteilt. Das sind gute Nachrichten! Jamie sammelt schnell die Gruppe im Restaurant ein und wir gehen frohgemut durch die Sicherheits- und Passkontrolle.

Da klingelt wieder das Telefon von Jamie. Der Tower von Granada teilt mit, dass uns die AESA keinen Start erlaubt. Es ist ihr völlig egal, was der Oberlotse und der Flughafenmanager von Granada sagen oder schreiben. Wir haben am Boden zu bleiben – und damit Ende der Diskussion! Ich frage mich „welche Diskussion“? Mit uns hat keiner geredet, geschweige denn diskutiert. Wir kommen an niemanden von der AESA ran. Selbst die Lotsen und der Flughafen-Operations-Security-was-auch-immer-Manager haben keine Nummern. Sie werden mit unterdrückter Nummer angerufen, behaupten sie zumindest. Ob das so stimmt kann ich nicht beurteilen. Da ich generell gutgläubig bin, nehme ich es ihnen mal ab. Robert allerdings nicht. Er fängt langsam an zu toben, dass er endlich mit einem Verantwortlichen sprechen möchte. Dies macht die Sache leider auch nicht besser. Dafür machen wir beide jetzt mal gute Miene zum bösen Spiel und gehen zu unserer Gruppe auf das Vorfeld.

Eine Maschine hat einen platten Reifen am Hauptfahrwerk. Was unter normalen Umständen nervig ist, lässt mich heute völlig kalt. Die Pilotin und der Pilot des Flugzeugs wechseln den Reifen in Rekordgeschwindigkeit. Eine beeindruckende Leistung – alle Maschinen sind wieder startklar. Bringt nur leider nichts. Immer noch keine Starterlaubnis. Nun müssen Robert und ich die schlechte Nachricht überbringen. „Wir kommen hier nicht weg und wissen auch nicht, wie lange wir hier festgehalten werden“, teilt Robert den ungläubig schauenden Teilnehmern mit. Ich What´s appe wieder mit Heike und Yago. Sie versprechen mir alles in ihrer Macht Stehende zu unternehmen. Bei diesen beiden weiß ich definitiv, dass dies keine leeren Worte sind. Nun ist es schon Mittag und es ist kein Ende in diesem Drama abzusehen. Wir beschließen in dem Restaurant, zu dem uns Jamie wieder fährt, abzuwarten. Während dessen telefoniert Robert mit der deutschen Botschaft. Er schildert die ganze Problematik und bittet um Hilfe. Zuerst ist der Herr am Telefon  nicht so davon überzeugt etwas machen zu können, dann sichert er aber seine Hilfe zu. Bei grottenschlechtem Essen warten wir ab und fügen uns unserem Schicksal.

Nun ist es schon so spät, dass wir selbst, wenn wir sofort starten dürfen, es nicht mehr bis Marokko schaffen. Es gibt nur eine Möglichkeit – zurück ins Hotel fahren. Zum Glück haben sie noch genügend Zimmer für uns. Da wir keine Ahnung haben, wann wir von Granada wegkommen, beschließen Robert und ich, morgen einen freien Tag in Granada auszurufen. Die Teilnehmer können den Tag dann zumindest genießen und müssen nicht auf dem Vorfeld oder in kulinarisch zweifelhaften Restaurants herumlungern. Wir haben dann etwas Luft um unser Problem irgendwie zu lösen.

Den Abend verbringen wir in einem Restaurant mit toller Aussicht auf die beleuchtete Alhambra (http://miradordemorayma.com). Das Restaurant ist ähnlich wie ein Riad angelegt und ich fühle mich fast schon, wie in Marokko.

Die Idee mit dem freien Tag in Granada war in der Theorie gut, in der Praxis leider ganz schlecht. Ab morgen ist hier ein Ärztekongress und ganz Granada ist ausgebucht. Die Nacht verbringe ich damit, eine Unterkunft für Morgen zu finden. Letztendlich haben wir einen Bus ausfindig gemacht, mit dem wir zur Küste fahren können. Dort gibt es noch bezahlbare Hotelkapazitäten. Wenn´s läuft, dann läuft´s auch wenn´s Scheiße läuft. Super, wie sollen wir das der Gruppe jetzt erklären? Wir rufen eine Krisensitzung ein.

Während Robert verkündet, dass wir ein Hotelproblem haben, erhalte ich einen Anruf von Yago. Er sagt mir, dass die AESA Oberchefin die Startgenehmigung unterschrieben hat. Diese soll mir gleich zugemailt werden. Es macht „pling“. Ich habe eine What´s app bekommen – von der AESA. Ein AESA Mitarbeiter sendet mir eine Whats app mit der Startgenehmigung?!? Ich habe es mir schon lange abgewöhnt, mich zu wundern oder die Welt verstehen zu wollen. Zuerst melden sie sich gar nicht und dann sogar über What´s app. Wir dürfen auf einer exakt vorgeschriebenen Route aus der Kontrollzone ausfliegen. Eine vorgegebene Strecke durch die Berge, maximal 1.000 Fuß über Grund und auch über dem Meer, im spanischen Luftraum, nicht höher als die ominösen 1.000 Fuß. Egal, Hauptsache die Genehmigung ist da. Das löst zumindest unser Hotelproblem. Allerdings nicht das Problem, dass wir so auf keinen Fall sicher nach Marokko kommen. Der Levante bläst aus vollen Backen. An der Küste liegt die Bewölkung auf den Gipfeln auf. Die Aussicht auf 1.000 Fuß bei Starkwind 130 km über das Meer bis zum marokkanischen Luftraum zu fliegen, stimmt mich nicht gerade fröhlich. Mit schnellen Flugzeugen ist dies eventuell machbar, da diese Reserve haben umzudrehen, wenn es nicht geht. Mit den langsamen Maschinen können wir es nicht verantworten.

Auf der Fahrt zum Flughafen arbeiten Robert und ich  einen Plan B aus. Dieser heißt Cordoba. Einfach nur weg aus Granada und in Cordoba darauf warten, dass sich der Wind beruhigt. Nur sind nicht alle mit dem Plan einverstanden. Vier Piloten aus der schnellen Gruppe sowie der Pilot der Echo Maschine möchten unbedingt nach Marokko fliegen. Und zwar jetzt. Es sind eigenverantwortliche Piloten und wenn sie meinen, dies zu tun, dann sollen sie es. Macht für Robert und mich die Sache nur leider nicht einfacher. Wir müssen nun dem Tower klar machen, dass wir in zwei Gruppen auf zwei unterschiedlichen Routen mit unterschiedlichen Zielen zu starten gedenken. Wir bekommen sowohl vom Tower als auch per Whats´s app, genaue Verhaltensweisen mitgeteilt. Eine davon ist, dass die Gruppen mit mindestens fünf Minuten Abstand voneinander starten müssen. Jamie hat gerade den Flugplan für die Echo-Maschine eingegeben, als deren Pilot mir mitteilt, dass er doch nicht nach Marokko will, sondern mit uns nach Cordoba kommt. „Super“, grummele ich vor mich hin und sage Jamie, dass er den Flugplan gleich wieder löschen kann. Mein Handy „plingt“ ohne Pause. Ich bekomme eine SMS nach der anderen. Einige Teilnehmer maulen, dass dies so lange dauert und sie wegwollen und was das soll, dass es so lange dauert und dass gefälligst alle nach Cordoba sollen und so weiter und so fort. Angemault werde grundsätzlich immer nur ich. Ich glaube sie spüren, dass sie bei Robert keinen Erfolg haben mit maulen. Ich versuche immer es allen Recht zu machen. Vielleicht lerne auch ich  mal, dass dies gar nicht möglich ist. Robert platzt nun der Kragen und er verschwindet auf dem Vorfeld.

Seine Ansprache an die Gruppe muss beeindruckend sein. Ich bekomme keine „MeckerSMS“ mehr und kann in Ruhe die letzten Dinge klären um es den nun 4 Piloten und einer Co-Pilotin zu ermöglichen nach Marokko zu fliegen. Dann geht es mal wieder an das Bezahlen. Der Flughafen Granada verlangt für den zusätzlichen Tag Parkgebühren. Robert ist der Meinung, dass wir nicht bezahlen. Es ist ja schließlich nicht unsere Schuld, dass wir noch hier sind. Soll doch die AESA oder die AENA (Flugplatzbetreiber) dafür aufkommen. Wir auf jeden Fall nicht. Ich zücke dann doch den Geldbeutel. In der Sache hat Robert ja recht, aber wir sitzen hier einfach am kürzeren Hebel. Wenn ich jetzt nicht bezahle, dann gibt es, diesmal vom Tower, keine Startgenehmigung.

Wir machen alle zusammen ein gemeinsames Briefing. Leader der Gruppe nach Cordoba ist Robert. Der Leader der „Marokkaner“ bekommt von mir noch ein eigenes persönliches Briefing mit den Verhaltensweisen. Ich lasse ihn schriftlich, per What´s app, was ja jetzt mein gängiges Kommunikationsinstrument mit der AESA ist, bestätigen, dass er sich an die Regeln hält. Eine davon ist erst dann um den „Engine Start“ zu bitten, wenn die Cordobagruppe gestartet ist. Der Cordoba Flugplan ist für 14 Uhr, der Marokkoflugplan für 14:30. Inzwischen ist es zwar schon fast 14:30 Uhr, aber es ist ja wohl klar, dass sich dann alle Flugpläne um 30 Minuten verschieben. Zumindest mir ist dies klar, anderen wohl nicht. Robert bittet für Cordoba um „Engine Startup“. Dies wird ihm auch sofort gewährt. Wir starten die Motoren. Dann glaube ich, meinen Ohren nicht zu trauen. Der Marokkoleader fragt ebenfalls nach „Engine Startup“. Was soll denn das? Haben wir nicht ausführlich besprochen, dass er zu warten hat, bis wir weg sind? Er kann Gott und Allah und sämtlichen Göttern der Erde Danken, dass ich nicht mehr aus der FK9 hüpfen kann, da auch unser Motor schon läuft. Ich hätte ihn in der Luft zerrissen. Robert und ich haben den gestrigen Tag und die halbe Nacht hindurch organisiert und zumindest ich habe nicht geschlafen, alles dafür getan, dass wir hier aus Granada wegkommen. Dann ist es ja wohl nicht zu viel verlangt, sich an die Auflagen zu halten. Es braucht viel, bis ich sauer werde, gerade bin ich aber auf 180. Es kommt dann auch so, wie es kommen muss. Der Tower hat keine Ahnung mehr, wer jetzt wohin will und wer zu wem gehört, da die Transponder in beiden Gruppen vom 7001 über 7002, 7003, 7004, u.s.w. bis zur Anzahl der Maschinen gerastet sind. Zur Krönung drückt sich der Marokkoleader auch noch vor und Marokko startet vor der Cordobagruppe. Das Chaos ist perfekt. Ich platze fast vor Wut. Ohmmmmm wird zu meinem Mantra.

 

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